Peaks and Plains 2024

Ende Mai 2024 sitzt das Feld der Teilnehmenden zum Briefing auf der Treppe an der Schweizer Milchkuranstalt, ich lerne, dass ich mich für eine Ultra-Veranstaltung angemeldet habe und Windschattenfahren verboten ist… Oha, wie bin ich hier gelandet? Konkret bei Peaks and Plains?

Mein Ziel für 2024 war es, eine komplette Rando-Serie zu fahren. Also 200 km, 300 km, 400 km und 600 km. Bei den 400er-Terminen in Reichweite gab es Überschneidungen mit den anderen Dingen und Hobbys im Leben, dann tauchte bei Instagram die Werbung für diese Veranstaltung auf. Das Video auf YouTube machte zusätzlich Lust und Harz geht für mich immer. Dann eben 500 Kilometer und viel mehr Höhenmeter im Harz…

Es ist schon spannend, die anderen Starter und Starterinnen so zu beobachten und deren Ausrüstung zu sehen. Ich bin da auf viele Situationen vorbereitet, entsprechend umfangreich ist mein Gepäck. Andere haben kaum Licht am Rad, die Trikottaschen mit Gels vollgestopft und starten eben damit…

Pünktlich 18:00 Uhr werden wir auf den Kurs geschickt, ich halte mich bewusst hinten, da haben viele andere das „Messer zwischen den Zähnen“ und entsprechende Ambitionen. Denen werde ich nicht im Weg stehen…

Die Elbe entlang, dann ein Stück Saale, der Kurs dreht in den Harz. Alsleben, Sandersleben, Hettstedt liegen auf der Strecke. Ich habe schon lange keine anderen Teilnehmenden im Blick, könnte höchstens auf dem Tracker schauen, wo sich die anderen befinden.

Die Sonne verschwindet, ich kurbele in die Nacht hinein. Kurz nach Mitternacht holt mich die Müdigkeit massiv ein, ein Abendstart an einem Freitag scheint nicht so perfekt zu sein… Dank Kommot finde ich eine Hütte abseits der Strecke, die ist großartig. Rolle den Schlafsack auf einem der Tische aus, kuschele mich ein und bin sofort weg.

erste Übernachtung

Nach vier Stunden klingelt der Wecker, die Dämmerung ist schon da und ich mache mich wieder auf die Strecke. Sehe unterwegs noch andere schlummern 😉 In Harzgerode hat die Tankstelle offen, es gibt belegte Brötchen und frischen Kaffee. Gleichzeitig kann ich ein Regenschauer abwarten, fahre über kleine Nebenstraßen weiter in den Harz.

Bei der Anfahrt zum Sophienhof (dem ersten Kontrollstempel für die „Brevetkarte“) setzt der Regen wieder ein. Mich nervt das Display vom Garmin, das interpretiert die Regentropfen als aktive Interaktion. Und aus Sicht der Garmin-Entwickler ist beim Antippen des Display „Abbruch der aktiven Route“ die erste sinnvolle Möglichkeit. So muss ich über Kilometer immer wieder den Abbruch der Route verhindern und gleichzeitig die Navigation für mich sichtbar machen. Das stört mich massiv!

Weiter geht es in Richtung Brocken, in Benneckenstein gibt es beim Bäcker Nachschub für den Magen.

Auf dem Weg zum Brocken spüre ich meine Gewichtszunahme deutlich, vor ein paar Jahren konnte ich hier noch mit Gepäck hochkurbeln, jetzt ist mehrfach Schieben angesagt. Der Brocken ist voll mit Touristen, ich bin fast froh, den Abschnitt hinter mir zu lassen.

Erinnerungen an die Grenzsteintrophy

Weiter in Richtung Wurmberg, unterwegs gibt es einerseits kurz den Blick auf die Platten vom Kolonnenweg und unterhalb vom Wurmberg dann auch eine Portion Pommes. Auf dem Weg zum Wurmberg-Gipfel schiebe ich teilweise wieder, ein Mann zwingt mir seine Lebensgeschichte auf. Brauche zwei, drei Anläufe, um das Gespräch zu beenden und wieder Kilometer in die richtige Richtung zu sammeln.

Anstieg zum Wurmberg

Der Gipfel ist im Vergleich zum Brocken menschenleer, ist ja auch schon ein paar Stunden weiter. Sehe die Gewitter über den Brocken heranrollen, eines davon warte ich auf dem Wurmberg ab, bevor es dann in einer Pause für mich endlich weiter geht. Auf dem Weg Richtung Sonnenberg holt mich dann der nächste kräftige Gewitterschauer ein. Die Regenjacke wird nutzlos, es läuft von oben durch den Kragen bis unten durch. Bei einem verlassenen Gebäude bietet mir die Garageneinfahrt Unterschlupf, ich kann hier in Ruhe abwarten.

Regenpause auf dem Weg Richtung Sonnenberg

Es folgt der für mich schönste Abschnitt (siehe die Fotos oben): die Autofreie Abfahrt durchs Siebertal. Ich bin klatschnass und kann das dennoch genießen, die Sonne kommt durch und es geht für 10 Kilometer leicht und gleichmäßig bergab.

Bin unschlüssig, wie es für mich weitergeht, die Dämmerung bricht an. Dann buche ich doch über HRS ein Hotel in Lonau. Es gibt in der HRS-App keine Fotos, das Ding wird ein Überraschungsei. Kein Fahrradraum, kein Frühstück und bis auf den einen an mich vermieteten Raum ist das Hotel eigentlich eine komplette Baustelle. Egal, die Sachen und ich trocknen, am Sonntag geht es weiter.

Auf dem Anstieg zur Hanskühnenburg habe ich einen Platten. Obwohl die Wolken tief hängen und es wirklich kein schönes Wanderwetter ist, kommt genau in dem Moment, als ich den Schlauch wechsele ein Typ den Weg lang. Und er quatscht mir auch ein Gespräch an die Backe: „Marathon-Reifen sind total toll, seit 10 Jahren kein Platten… ich frage vorsichtig, wie viel Kilometer er in den 10 Jahren gefahren ist…. über 1000 berichtet er stolz…. nun, ich bin froh, als mein Rad wieder rollt. An der Hanskühnenburg stempele ich meine Karte, freue mich über die Unterstützung vom Wirt. Der hat nämlich für die Teilnehmer der Peaks&Plains einen Wasserkasten draußen stehen lassen. Genehmige mir eine Flasche, das hilft sehr.

Der nächste Checkpoint ist geschafft, bis kurz vor Clausthal-Zellerfeld muss ich über die Harzhochstraße. Bei dem Nebelwetter kein Spaß mit dem Autoverkehr, das soll sich dann an dem Tag noch wiederholen.

In Clausthal-Zellerfeld möchte ich bei einem Bäcker auch nur ein belegtes Brötchen und einen Kaffee genießen, sehe ja eh wie ein Landstreicher aus. Wieder bin ich das Opfer eines ungewollten Gespräches, ein Rentner erzählt mir von seinem anstehenden Urlaub in Ägypten…

Hinter Claustahl-Zellerfeld reduziere ich mein Gewicht, packe die verzichtbaren Radtaschen hinter eine Bushaltestelle. Auf geht es zum Bocksberg und zur Schalker Höhe.

Unterwegs begegnen mir andere Rennradfahrer, bei dem Wetter in schwarzer Bekleidung und nur vereinzelt mit Beleuchtung… Über Altenau geht es hoch nach Torfhaus. Dort oben ist wieder dicke Nebelsuppe, die ersten zwei Kilometer von dort aus bergab sind echt anstrengend. Baustelle, viel Autoverkehr und eben der Nebel. Bin ab dem Abzweig ins Kalbetal heilfroh, wieder ohne Autos unterwegs zu sein. Es geht lange bergab, im Ort Oker verlasse ich den Harz. Melde mich über die WhatsApp-Gruppe bei den großartigen Organisatoren, dass ich das Zeitlimit bis 18:00 Uhr gewiss nicht einhalten kann, bleibe dennoch auf dem Track und will das Ding für mich nach Hause fahren. Im Elm gibt es noch ein paar Höhenmeter, ab Helmstedt dann schönen Schiebewind bis Magdeburg.

Ziel erreicht, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Bin mit Abstand der letzte Teilnehmer

Das Ziel ist wieder die Milchkuranstalt, entgegen aller Absprachen erwartet mich ein Teil der Orgacrew und gibt mir noch einen warmen Empfang! Das fühlt sich großartig an. Danke dafür! Und natürlich für die gesamte Veranstaltung!

PS: ich habe insgesamt über 50 Stunden für die Strecke benötigt, der schnellste war nach 21 Stunden im Ziel….

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