Stoneman im Erzgebirge

“GOLD”? Die Dame an der Hotelrezeption guckt mich ungläubig an, als ich mein Starterpaket für den Stoneman im Erzgebirge kaufe und auf Ihre Frage antworte, das ich nur einen Tag Zeit habe… ich rede noch irgendwas von “bin nicht schnell, kann aber lange fahren…” und will das unangenehme Thema damit eigentlich auch nur beenden, den Kram aufs Zimmer bringen und dann ab ins Bett. Nur nicht den Mund zu voll nehmen.

Um 05:00 Uhr steht ein einfaches Müsli und nen Kaffee bereit, etwas später sitze ich auf dem Rad und kurbele los. Habe mich fürs Fatbike entschieden, das hat die kürzeste Übersetzung meiner Räder. Und die werde ich wohl brauchen.

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Erste Kontrollstelle: Bärenstein

Nach dem Bärenstein erwischt es mich, der Hinterreifen lässt Luft. Ich versuche noch nachzupumpen, aber das hält keine 500 Meter, also Schlauch wechseln. Den Kühen biete ich am Morgen so eine Art Frühstücksfernsehen direkt an der Weide. Die mampfen in aller Ruhe ihr Gras und vor deren Nase passiert was, es hat aber keine Relevanz für den Tag einer Kuh. Der Ersatzschlauch ist schnell eingezogen, ich pumpe voller Freude, aber dann…

Die Pumpe wird auf das Ventil geschraubt. Und immer wenn ich die Pumpe abschrauben möchte, drehe ich den Ventileinsatz komplett aus dem Schlauch heraus. Dann ist natürlich auch die Luft raus. So geht das dreimal, ein Regenschauer zieht durch, dann verliere ich die Nerven und schiebe erstmal. Laut Karte gibt es einen Ort dicht vor mir, im übernächsten Ort soll es sogar einen Fahrradladen geben. Der macht zwar erst um 10:00 Uhr auf und es ist erst 07:30 Uhr, aber ich muss ja erstmal hinkommen. Habe Glück, im Ort finde ich einen Förster, der ohnehin gerade mit einer Werkzeugkiste zu seinem PKW geht. Dank seiner Zange bleibt das Ventil drin und damit auch die Luft.

 

Es rollt gemütlich vor sich hin, an den Bergen muss ich oft schieben. Aber es für mich fast egal, ob ich mit 3-4 km/h kurbele oder schiebe. Immerhin gibt es Abwechslung für die Muskulatur. Genieße die Landschaft, die verschiedenen Trails zum Glück habe ich einen kühleren Tag erwischt. Ab und an zieht ein Nieselschauer durch, aber das stört nicht. Teilweise bin ich bergauf so langsam, dass ich den Bremsen nicht davon fahren kann und die mir in aller Ruhe in den Hintern stechen können.

Der Rabenberg macht seinem Namen alle Ehre und bringt mir einige Portionen Unglück. Erst sind auf dem Weg zum Rabenberg diverse Forstarbeiten im Gange. Die Umleitung ist halbherzig ausgeschildert, ich lande dann doch auf dem normalen Verlauf und darf vier mal an solchen Holzstapeln mein Rad Umtragen. Und Umtragen heißt aufgrund der Verhältnisse auch wirklich: Rad auf den Rücken, dann damit am Hang lang kraxeln.

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Holzbarrikade

Das Garmin-Gerät verabschiedet sich endgültig, weil der Akku alle ist. Musste das Ding unterwegs schon zweimal neu starten, weil die Navigation irgendwie aussetze. Und das Nachfahren eines Tracks mitten im Track ist auch irgendwie bescheuert gelöst, mehrfach versuchte das Gerät schlauer zu sein… Bitte haltet Abstand von den einfachen Garmin Edge Touring, die taugen nicht zur Navigation (das war leider nicht das erste Mal).

Zum Glück gibt es eine Papierkarte und eine umfangreiche Ausschilderung der Strecke!

Auf dem Gipfeltrail kurz vorm Rabenberg reißt dann die Frontlampe ab, in der Jugendherberge kriege ich unter Protest frisches Wasser in die Flaschen und ich suche ziemlich lange nach der “Stempelstelle” für meine Karte…IMG_6249

Das fehlende Licht am Rad macht mir ziemliche Sorgen. Es ist inzwischen 15 Uhr, ich werde die Runde nicht mehr komplett im Tageslicht schaffen. Wie mache ich weiter? Die Trailabfahrten vom Rabenberg nerven mich, irgendwie komme ich mir ausgebremst vor und will doch eigentlich Strecke machen… Kürze die Strecke zum Auersberg ab, fahre nicht drumrum, sonder fahre/schiebe direkt hoch. Dann geht es in Schussfahrt nach Johann-Georgenstadt. 65 km/h auf nem Fatbike! Der dortige Radladen hat eine Lampenhalterung und ein paar Kabelbinder zur Hand, damit kann ich die Frontlampe inkl. Kabel wieder befestigen… ist das doch noch zu schaffen?

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Kalorien statt Kilometer (Zitat takeshifaehrtrad)

Kurz nach dem Grenzübergang nach Tschechien wird mir klar, das ich entweder hier noch Nachschub bunkere oder auf dem Rest der Strecke nichts mehr bekommen werde. Es ist kurz nach 18:00 Uhr, Kekse und Cola wandern in die Tasche. Ich mache Strecke, ich mache Pausen, ich komme voran, aber vor dem Klinovec/Keilberg passe ich die Route an.

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Die Kraft lässt doch nach und ich möchte mit der Frontlampe nicht all zu viele Trailkilometer sammeln, deren Verlauf ich nicht kenne. Bei den letzten Kilometern vorm Gipfel vom Klinovec frage ich mich schon, wer hier noch hochkurbelt? Ich schiebe über lange Strecken durch das Geröll, dank der Niederschläge vom Tag inzwischen auch mit viel Feuchtigkeit.

Auf dem Keilberg/Klinovec fühle ich mich nicht wohl. Die Gebäude sind heruntergekommen, das Wetter wird deutlich feuchter, das letzte Tageslicht schwindet und irgendwelche Teens rasen mit alten Audi A4s um die Gebäude. Nur weg hier! Den letzten Anstieg (2,5 Kilometer) zum Fichtelberg schiebe ich fast komplett, aber das ist inzwischen auch egal. Die Navigation wird schwieriger, die Lampe am Rad leuchtet nicht die in zwei Meter Höhe angebrachten Schilder an, ich suche teilweise mit der Lampe vom Smartphone die Stoneman-Schilder. Die Stirnlampe habe ich ein paar Tage vorher im Finowkanal versenkt…

IMG_6260Fotofinish? Jedenfalls der letzte Gipfel für die Tour

Im Hotel werde ich feststellen, das ich auf dem Fichtelberg die Karte nicht gelocht habe. Immerhin habe ich noch ein Foto gemacht! Irgendwie eiere ich den Berg runter, suche immer wieder den Trail. Lande auf der Skipiste, dann wieder auf der korrekten Route, Hauptsache bergab. Dann spuckt mich die Strecke fast direkt am Hotel wieder aus, ich bin auch komplett fertig. Körperlich geschafft, der Nieselregen hat dann doch alle Sachen durchnässt und ich bin froh, dass ich hier endlich vom Rad absteigen kann. Brauche dringend eine Dusche, nach einer Schokolade und einem Bier falle ich gegen 23:30 Uhr ins Bett.

Stoneman: Haken dran! Trotzdem bleibt die Frage, wie die Tour ohne Defekte oder mit einem Leatherman im Gepäck verlaufen wäre?

Ein Kommentar zu „Stoneman im Erzgebirge

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  1. Schöner Kuchen! Ich glaube, auf 4.400 Höhenmetern (!?) ist der mehr als verdient!
    Das mit der Pumpe kenne ich. Dafür habe ich im Radladen mal so ein kleines Ding bekommen, mit dem man den Ventileinsatz vorher richtig fest an das Ventil anschrauben kann. In der Theorie (heißt: zuhause) funktioniert das auch. Das Ding ist nur so klein, dass ich ständig befürchte, es im passenden Moment nicht mehr zu finden…
    Glückwunsch zum Stoneman! 🙂

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