222 Kilometer ohne Rückenwind

Sommerferienanfang, wir fahren als Familie nach Mecklenburg. Wieder in ein kleines Dorf, irgendwo zwischen Schwerin und der Ostseeküste. Meine Damen gestatten mir eine Radtour dorthin, komoot macht die Route und die Wettervorsage verspricht viel Gegenwind. Ich starte recht früh, kurz vor 4:30 Uhr sitze ich auf dem Rad. Es geht erst quer durch den Berliner Speckgürtel.

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abseits der Orte sieht es nicht immer „geleckt“ aus

Das Rad ist noch relativ neu, ich habe nur kleine Proberunden gedreht. Irgendwo südlöstlich von Oranienburg packe ich das übersichtliche Werkzeug aus, beide Scheibenbremsen schleifen ordentlich. Danach steigt die Tachoanzeige um zwei km/h, in ähnlicher Art die Motivation für den „Rest“ der Strecke.

In Oranienburg hat ein Bäcker geöffnet, meine erste Versorgung und ich kaufe mein Frühstück, zusätzlich noch Proviant für die nächsten Kilometer.

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Wie würde der Huschke mit unseren modernen Rädern fahren?
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die nächsten 20 Kilometer sind nicht so schön, auf der B96 und viel Verkehr
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Schloß Rheinsberg

Irgendwann quere ich auf einer schmalen und schlechten Asphaltstraße den ehemaligen Truppenübungsplatz in der Wittstocker Heide. Dort sehe ich auch ein Vierer-Trupp vom Kampfmittelräumdienst. Für den Tag haben sie sich ein Stück von etwa 10×20 Metern markiert. Es ist kurz nach 11:00 Uhr, sie haben also knapp nen halben Tag geschafft. Und ihre Schubkarre ist voll mit Munition aller Art. Gewehrpatronen und Kartuschen, die mehr als 10 cm im Durchmesser messen. Ich darf das nicht fotografieren, aber ich brauche eine Weile, um die Dimensionen zu verarbeiten. Wieviele Jahre wird das „Aufräumen“ noch dauern? Klar, die meisten dieser militärischen Liegenschaften sind über 80 Jahre entsprechend genutzt worden und bei keinem Systemwechsel wurde auf eine ordentliche Übergabe wirklich wert gelegt. Vertuschen, Vergraben, Vergessen und die nachfolgenden Systeme/Gesellschaften haben die Last bekommen.

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sollte man erst nehmen

Die Landschaft ändert sich, die Landflucht wird sichtbarer/spürbarer. In Wernikow hat der lokale Heimatverein die vielen leeren Schaufensterhöhlen mit Exponaten aus früherer Zeit gefüllt. Ich bin mir nicht sicher, ob damit die Leere und die verlassenen Häuser noch sichtbarer werden oder ob es damit überspielt wird. Kurz vorm Ortsausgang von Wernikow finde ich ne Eisdiele. Mit der in Brandenburg typischen sprachlichen Effizienz bekomme ich zwei Kugeln Eis. Ich weiß aber auch, wie abschreckend diese Maulfaulheit auf externe Besucher wirken kann, fast abwehrend/abweisend…. Der Abstand zwischen den Ortschaften nimmt zu, die Grundstücke werden größer. Selbst auf den Friedhöfen ist viel Platz. Immer mehr bemerke ich die unterschiedlichen Stadien der Landflucht. Von „gerade nicht mehr bewohnt, aber intakt“ über „zugewuchert“ über „das Dach ist kaputt, das Haus nicht mehr zu retten“ bis hin zu „hier war mal ein Garten, dort sind Reste einer Treppe“.

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Mecklenburg

Ein neuer Eindruck schiebt sich in den Vordergrund: auf einen Truppenübungsplatz bei Lübthen brennt es auf viel Fläche, der Brand geht als größter Brand in die Geschichte von Mecklenburg-Vorpommern ein. Und der beständige Gegenwind riecht deutlich nach Brand.

Der Wind nimmt weiter zu, er nervt mich, er raubt mir viel Kraft, den ganzen Tag seit 06:00 Uhr schon, immer von vorn. Wenn ich in einem Wald Windschutz finde, dann rolle ich mit etwa 22 km/h dahin. Und auf dem freien Feld oder den Alleen mit wenig Windschutz fällt das Tempo auf 16 km/h. Parchim nehme ich eher als Windschutz und nicht als Stadt wahr. Dann wirft mir der auf 6 Bft. aufgefrischte Wind die alten Äste von den Chausseebäumen auf die Straße. Irgendwie habe ich genug von dem Ego-Trip, möchte mit meinen Damen Urlaub machen, endlich runter vom Rad. Die Oberschenkel sind dick, ich texte mit der Familie hin und her. In Crivitz stelle ich das Rad auf den Träger hinten am Familienauto. Habe keine Lust auf die letzten 17/18 Kilometer bis zum Zielort. Wir plündern noch den REWE in Crivitz, dann ist Urlaub!

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